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Viele Preislisten im Friseurhandwerk entstehen durch einen Blick auf die Salons in der Nachbarschaft. Das verrät Dir, was Deine Kundschaft gewohnt ist – aber nicht, ob Dein Salon bei diesen Preisen trägt. Dieser Beitrag zeigt den Rechenweg vom Stundensatz über Farbe und Haarlänge bis zur fertigen Preisliste.
Ein Preis im Friseursalon hat drei Bestandteile: die Zeit, in der Du oder Dein Team am Kopf arbeitet, das dabei verbrauchte Material sowie die Umsatzsteuer, sofern sie anfällt. Die Zeit ist fast immer der größte Posten und zugleich der, der am häufigsten falsch angesetzt wird – weil nicht die Öffnungszeit zählt, sondern nur die Stunden, in denen tatsächlich jemand auf dem Stuhl sitzt.
Konkrete Marktpreise stehen hier bewusst nicht; sie hängen an Ort, Lage und Kundschaft. Wo Beträge auftauchen, sind es runde Werte für ein Rechenbeispiel. Die rechtlichen Angaben stammen aus den Gesetzestexten und aus Veröffentlichungen der zuständigen Bundesstellen, geprüft im September 2026; für Deinen Einzelfall bleibt die Steuerberatung zuständig.
1. Bezahlte Stunden und produktive Stunden auseinanderhalten
Jede Kalkulation beginnt mit einer Zahl, die kaum ein Salon kennt: Wie viele Stunden im Monat werden wirklich verkauft? Bezahlt wird jede Stunde, in der Du oder eine Mitarbeiterin im Salon steht. Verkauft wird nur die Zeit, in der eine Leistung am Kopf läuft. Dazwischen liegen Lücken zwischen zwei Terminen, Absagen, das Aufräumen am Waschplatz, Warenannahme, Telefon, Kasse, Social Media und Pausen.
Bei Angestellten kommt eine zweite Lücke dazu: Urlaub, Krankheit, Berufsschule und Schulungen werden bezahlt, ohne dass in dieser Zeit Umsatz entsteht. Wer den Lohn einer Friseurin durch ihre vertraglichen Stunden teilt, rechnet deshalb mit einem zu niedrigen Satz. Richtig ist: Jahreslohn samt Arbeitgeberanteilen, geteilt durch die Stunden, in denen sie im Jahr tatsächlich an Köpfen arbeitet. Die Untergrenze für den Lohn setzt der gesetzliche Mindestlohn. Nach § 1 der Fünften Mindestlohnanpassungsverordnung beträgt er seit 1. Januar 2026 13,90 Euro brutto je Zeitstunde und ab 1. Januar 2027 14,60 Euro. Gilt in Deinem Betrieb ein Tarifvertrag, rechnest Du mit dessen Sätzen.
Die produktiven Stunden schätzt Du nicht, Du misst sie. Trag vier Wochen lang für jeden Tag ein, wie viele Stunden Anwesenheit es gab und wie viele davon mit erbrachten Leistungen belegt waren. Das Verhältnis beider Zahlen ist Deine Auslastung. Sie ist die wichtigste Größe der ganzen Rechnung. Wer bei gleichen Kosten mit einem Viertel mehr produktiven Stunden rechnet, als es tatsächlich gibt, setzt den Stundensatz um ein Fünftel zu niedrig an. Damit liegt auch jeder Preis zu niedrig, der auf ihm beruht. In einer einzelnen Woche fällt das nicht auf.
Ein Preis, der nur aufgeht, wenn jeder Stuhl den ganzen Tag besetzt ist, geht nicht auf.
2. Der Stundensatz: eine Formel und ein Rechenbeispiel
Aus den gemessenen Stunden wird der Satz, den jede produktive Stunde mindestens einbringen muss. Die Formel ist kurz:
Stundensatz = (Fixkosten + Personalkosten + Unternehmerlohn) ÷ produktive Stunden
Alle Posten in der Klammer gehören auf denselben Zeitraum, meist einen Monat. Zu den Fixkosten zählen Miete und Nebenkosten, Energie und Wasser, Versicherungen, Kammer- und Berufsgenossenschaftsbeiträge, Steuerberatung, Software, Wäsche, die Abschreibung der Einrichtung und eine Rücklage für Reparaturen. Der Unternehmerlohn ist das, was Du Dir selbst auszahlen willst, einschließlich Deiner eigenen Kranken- und Altersvorsorge – er ist kein Gewinn, sondern Dein Gehalt.
Der Preis einer einzelnen Leistung folgt daraus:
Nettopreis = Dauer in Stunden × Stundensatz + Material
Ein Rechenbeispiel mit runden Zahlen, ausdrücklich kein Marktpreis: Kosten und Unternehmerlohn ergeben zusammen 6.000 Euro im Monat, gemessen wurden 100 produktive Stunden. Der Stundensatz liegt dann bei 60 Euro. Eine Farbe mit Schnitt, die den Platz eineinhalb Stunden belegt und 10 Euro Material verbraucht, kostet netto 1,5 × 60 + 10 = 100 Euro. Ist der Salon umsatzsteuerpflichtig, kommen 19 Prozent hinzu. Im Aushang steht dann 119 Euro.
Mit eigenen Zahlen rechnen: Den Preisrechner für Friseursalons kannst Du mit Deinen Kosten, Stunden und Materialwerten füllen, bevor Du eine Zahl in die Preisliste schreibst. Wichtig ist nur, dass die Dauer die gesamte Platzbelegung abbildet: Beratung, Waschen, Einwirkzeit, Föhnen und das Aufräumen danach. Arbeitest Du während der Einwirkzeit an einem zweiten Kopf, rechnest Du für die Farbe nur die Minuten, in denen Du wirklich an ihr arbeitest, plus einen Anteil für den belegten Platz – sonst bezahlt die Kundin eine Stunde, die Du parallel ein zweites Mal verkaufst.
3. Farbe, Entwickler und Pflege: Material in Gramm rechnen
Im Friseurhandwerk ist Material der einzige Posten, der sich pro Kopf genau messen lässt. Trotzdem wird er meistens pauschal geschätzt. Bei Farbleistungen entscheidet er spürbar über den Preis: Farbcreme und Entwickler werden in Gramm und Millilitern angemischt, im Verhältnis, das der Hersteller vorgibt. Der Verbrauch wächst dabei mit Länge und Dichte des Haars.
Der Weg zu belastbaren Zahlen ist eine Waage am Mischplatz. Wiegt Dein Team einige Wochen lang jede Mischung und notiert Leistung, Haarlänge und Menge, entsteht eine Tabelle, aus der Du drei Werte ablesen kannst: den typischen Verbrauch für kurzes, mittleres und langes Haar, den Restanteil in der Schale sowie die Leistungen, bei denen die Mengen besonders stark schwanken. Den Preis pro Gramm Farbe und pro Milliliter Entwickler rechnest Du aus dem Einkaufspreis von Tube und Flasche; Folien, Blondierung, Pflegekur, Einmalhandschuhe und Handtuchwäsche kommen als kleiner fester Betrag pro Leistung dazu.
Aus der Tabelle folgen zwei mögliche Modelle. Entweder steht eine Grundmenge im Preis, während jede weitere angefangene Menge – etwa je 20 Gramm – als Aufpreis ausgewiesen wird. Oder die Farbleistung hat eigene Preise je Längenstufe, in denen der gemessene Mehrverbrauch schon steckt. Das erste Modell ist genauer, das zweite leichter zu erklären. Wie Arbeitszeit und Materialanteil in einem verwandten Gewerk zusammenspielen, zeigt der Beitrag Nagelstudio-Preise kalkulieren; die Grundidee – erst die Zeit, dann das Material dort, wo es wirklich abweicht – gilt am Mischplatz genauso.
Einmal im Jahr, oder sobald Dein Lieferant die Preise ändert, gehört die Tabelle neu durchgerechnet. Ein Farbpreis, der drei Jahre lang auf alten Einkaufspreisen steht, ist kein stabiler Preis, sondern ein schleichender Nachlass.
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4. Haarlänge und Aufwand statt „Damen“ und „Herren“
Viele Preislisten sind noch nach Damen und Herren geteilt. Rechtlich ist das keine Formsache. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet in § 19 Abs. 1 Nr. 1 eine Benachteiligung wegen des Geschlechts bei sogenannten Massengeschäften, also bei Verträgen, die „typischerweise ohne Ansehen der Person zu vergleichbaren Bedingungen in einer Vielzahl von Fällen zustande kommen“. Eine unterschiedliche Behandlung ist nach § 20 Abs. 1 AGG nur zulässig, wenn ein sachlicher Grund vorliegt.
Eine im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellte Studie hat Preisunterschiede nach Geschlecht 2017 untersucht und rechtlich bewertet. Für Friseure ist ihr Ergebnis deutlich: Es sei nicht zulässig, allein vom Geschlecht einer Person auf den zu erwartenden Aufwand zu schließen; Frisierbetriebe sollten sich am tatsächlichen Aufwand orientieren und Preise geschlechtsneutral ausweisen. Das ist eine rechtliche Einschätzung und kein Gerichtsurteil – aber sie beschreibt den Maßstab, an dem sich eine Preisliste im Streitfall messen lassen muss.
Für die Kalkulation ist das ohnehin der sauberere Weg, denn der Aufwand hängt an Länge, Dichte und Technik, nicht an der Person. Leg deshalb Längenstufen fest, die jede Person an sich selbst erkennt – etwa kurz mit freiem Nacken, mittel bis zur Schulter, lang darüber. Bepreise Schnitt, Farbe und Styling je Stufe. Ein Kurzhaarschnitt kostet dann dasselbe, egal wer auf dem Stuhl sitzt. Ein aufwendiger langer Schnitt kostet mehr, weil er mehr Zeit braucht. Zuschläge für besonders dichtes Haar oder aufwendige Techniken sind möglich, wenn sie an einem nachvollziehbaren Merkmal hängen und genau so im Aushang stehen.
5. Preisliste aushängen, sinnvoll runden, rechtzeitig erhöhen
Der fertige Preis muss sichtbar sein. § 12 Abs. 1 der Preisangabenverordnung verlangt von jedem, der Verbrauchern Leistungen anbietet, ein Preisverzeichnis „über die Preise für seine wesentlichen Leistungen oder über seine Verrechnungssätze“. Es hängt nach § 12 Abs. 2 in den Geschäftsräumen und, wenn der Salon ein Schaufenster oder einen Schaukasten hat, auch dort. Angegeben werden nach § 3 PAngV Gesamtpreise, also einschließlich Umsatzsteuer. Zerlegst Du einen Preis – Farbe plus Schnitt plus Längenzuschlag –, ist nach § 3 Abs. 3 der Gesamtpreis hervorzuheben.
Ob Umsatzsteuer im Preis steckt, entscheidet § 19 UStG. Als Kleinunternehmer bleiben Deine Umsätze steuerfrei, wenn der Gesamtumsatz im Vorjahr 25.000 Euro nicht überschritten hat und im laufenden Jahr 100.000 Euro nicht überschreitet. Fällt die Regelung weg, gilt der Regelsatz von 19 Prozent nach § 12 Abs. 1 UStG. Wer dann den alten Aushang stehen lässt, führt aus jedem Bruttopreis 19/119 an das Finanzamt ab, knapp 16 Prozent – bei unverändertem Aufwand. Rechne diesen Wechsel deshalb vorher durch, nicht hinterher.
Beim Runden gilt eine einfache Regel: nach oben, auf ganze Euro und in derselben Logik für die ganze Liste. Krumme Beträge aus der Formel wirken im Aushang zufällig. Viele fast gleiche Preise machen die Liste unlesbar. Wenige klare Stufen sind für Deine Kundschaft leichter zu verstehen und für Dein Team leichter zu kassieren.
Erhöhen solltest Du, wenn sich eine Größe aus der Formel bewegt: wenn die Miete steigt, wenn der Mindestlohn zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro steigt, wenn Dein Lieferant neue Preise schickt oder wenn die Auslastung dauerhaft über dem Wert liegt, mit dem Du gerechnet hast – ein über Wochen voller Terminkalender ist ein Preissignal. Kündige die neuen Preise einige Wochen vorher im Salon und auf Deiner Buchungsseite an, nenne den Grund in einem Satz und führe bereits gebuchte Termine zum alten Preis aus. Die Terminhistorie Deiner Kundenkartei – auf Papier, in Salon Wizard oder in einem anderen System – zeigt Dir danach, ob Stammkundinnen ihren gewohnten Rhythmus halten. Das sagt mehr als jede Reaktion am Empfang.
Eine Preiskalkulation im Friseursalon braucht keine Tabelle mit hundert Zeilen, sondern vier ehrliche Zahlen:
- Produktive Stunden, vier Wochen lang gemessen statt geschätzt.
- Den Stundensatz aus Fixkosten, Personalkosten und Unternehmerlohn, geteilt durch diese Stunden.
- Den Materialverbrauch in Gramm, gewogen und je Längenstufe zusammengefasst.
- Die Umsatzsteuer, die im Gesamtpreis steckt oder ab einem bestimmten Umsatz stecken wird.
Daraus entsteht eine Preisliste nach Länge und Aufwand statt nach Geschlecht, auf ganze Euro gerundet, sichtbar ausgehängt und einmal im Jahr überprüft.
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